FS 8/2004, S. 62
Unter der Überschrift "Unterschiedliche Hornwände" findet sich das Beispiel von Titus. Herr Eberhard schreibt hierzu: „Der linke Vorderhuf von Titus (12) zeigt ebenfalls einen unterschiedlichen Verlauf der seitlichen Hornwände. Das Problem wurde durch die Gliedmassenstellung hervorgerufen und bei der Hufbearbeitung nicht ausreichend beachtet. Die innere Wand ist im unteren Bereich weiter und höher (erkennbar am ansteigenden Verlauf der Kronrandlinie und den ebenso nach oben verschobenen erkennbaren Futterrillen). In der Hinteransicht desselben Hufes (13) sieht man, wie der innere Ballenbereich stärker eingezwängt und nach oben gedrückt wird (Verlauf der Kronrandlinie). Bei der Außenbearbeitung der Hufe muss der Verlauf der inneren Wand also stärker gestreckt werden. Zusätzlich muß bei diesem Huf die innere Trachten- und Seitenwand stärker gekürzt werden als die äußere, um wieder eine gleichmäßige Hufform zu erhalten. Bestätigt wird diese Schlußfolgerung durch das Bild des Hufes in der Sohlenansicht (14): Die innere Trachtenwand ist deutlich länger, dadurch ist dieser Bereich enger und muß gekürzt werden. Typisch für eine solche Verformung ist häufig ein nicht planes Auffußen der Gliedmaße: Ein Pferd mit einer solchen Hufform wird den Boden zuerst mit der Innenseite des Hufes berühren. Nach der Fußungstheorie (...) die sich bei ausgewachsenen Pferden als die sinnvollste erwiesen hat, muß der Berech stärker gekürzt werden, der den Boden zuerst berührt – also innen.“
Eigene Befundung:
(VL) Vorderansicht: medial ist der Kronsaum höher geschoben als lateral, mediale Wand verbiegt sich im oberen Drittel konkav, hebelt dann schräg nach aussen; divergierende Rillen rund um den Huf, medial werden die Rillen stärker gestaucht (durch Hebel); Zehenrichtung nach medial versetzt angelaufen; besonders in der Zehenwand sind kapillare Risse erkennbar; Saumhorn haftet stark am Huf, wurde bis in die Zehe mit nach unten geschoben; Huf scheint nach vorne/lateral herausgestellt zu sein (Pferd stellt sich von der schrägen Wand weg); Ansicht von hinten (palmar): mittlere Strahlfurche ist von Fäulnis besetzt und weit nach oben in den Ballenbereich geöffnet; Trachten sind eingerollt, besonders medial; Gliedmasse steht nach medial versetzt über dem Huf;
Sohlenansicht: mediale Eckstrebe ist schräger als lateral; der Trachtenbereich ist überlastet; der Strahl fällt etwas nach medial; hier zeigt sich erneut die Fäulnis in der mittleren Strahlfurche; medial ist die Blättchenschicht durch die hebelnde Seitenwand breitgezogen; der Tragrand ist medial im Trachtenbereich schmaler als lateral, ausserdem medial durch Überlastung unter den Huf geschoben; Huf mit enormem, beidseitigemTrachtenzwang - die Trachten sind eingerollt und quetschen den Strahl zusammen; Zehenrichtung nach lateral versetzt angelaufen, hier befindet sich eine Eindellung des Sohlenrandes.
Zur Befundung von B. Eberhard:
Diese Hufe werden als Beispiel für „unterschiedliche Hornwände“ herangezogen, jedoch weisen auch alle anderen im Artikel dargestellten Hufe Unterschiede in den Seitenwänden auf, es handelt sich also nicht um eine Besonderheit. Herr Eberhard bezeichnet die mediale Wand als (im unteren Bereich!) „weiter und höher“, was aufgrund der Formulierung zu Verwirrung führt. Es ist leider nicht nachvollziehbar, wie der Huf auf einer Seite im unteren Bereich höher sein kann als auf der anderen Seite. Tatsache ist, dass die mediale Wand aufgrund ihrer Schräge und des hochgeschobenen Kronsaumes über eine längere Hornstrecke verfügt als die laterale Wand. Ausserdem ist hier nicht die innere Wand weiter, sondern die gesamte Hufhälfte. Wie sich in der Sohlenansicht zeigt, ist die Blättchenschicht durch die weghebelnde Wand verbreitert und aufgerissen. Das hier fälschlicherweise als „Futterrillen“ bezeichnete gestauchte Wandhorn entsteht mitnichten durch unsachgemässe Fütterung, sondern durch eine Stauchung des Hornes. Aufgrund der Schrägstellung zum Boden wird das von oben nach unten schiebende Horn zusammengedrückt und wulstet sich in Rillen auf. Die Bearbeitungsempfehlung zu diesem Huf erweist sich wiederum als kontraproduktiv. Ein Kürzen der inneren Trachten- und Seitenwand, wie von Herrn Eberhard vorgeschlagen, würde zum einen bedeuten, an der Stelle mit der höchsten Belastung, nämlich im medialen Trachtenbereich, Material zu nehmen. Desweiteren bedeutet das Kürzen des medialen, schräg zum Boden ausgerichteten Tragrandes, eine abrupte Lastübertragung auf diesen Wandbereich, welcher aufgrund der Schrägstellung zum Boden jedoch eher ungeeignet ist zur Lastaufnahme. Somit weichen die Hornröhrchen der Last und werden noch schräger. Durch die vorgeschlagenen Massnahmen wird im ersten Moment optisch sicherlich die angepriesene „gleichmässigere Hufform“ erreicht, jedoch ist dies nicht gleichbedeutend mit einer faktischen Gesundung des Hufes. Ebenso verhält es sich mit dem Vorschlag, die innere Hufwand von aussen zu strecken, sprich die Verbiegung wegzuraspeln. Diese Massnahme führt nur optisch zu einem geraderen Verlauf der Hornwand, das nachwachsende Horn wird weiterhin schräg ausgerichtet sein. Desweiteren stellt Boris Eberhard fest : „Die innere Trachtenwand ist deutlich länger, dadurch ist dieser Bereich enger und muss gekürzt werden“. Auch hier erschliesst sich kein logischer Zusammenhang, warum soll eine längere Trachtenwand zur Enge führen? Deutlich zu sehen ist, dass sowohl die laterale Trachte als auch die laterale Seitenwand gekürzt worden sind – insofern ist die größere Länge der inneren Trachte künstlich hergestellt. Ebenfalls deutlich zu sehen ist, dass die mediale Trachte wesentlich schräger gestellt ist als ihr laterales pendant. Also genau umgekehrt, wie von Herrn Eberhard beschrieben.
Der Zustand unterschiedlich hoher Trachtenwände, im Text als „einseitige Verformung“ beschrieben, soll mit Hilfe der Fussungstheorie behoben werden. Vorher hat ein Anhänger eines anderes anderen Hufideals (vielleicht der Fesselstandstheorie) den Huf außen gekürzt um ihn dem verfolgten Ideal näher zu bringen. Laut Herrn Eberhard soll er nun innen gekürzt werden, um ihm zu helfen. Beides Vorgehen ignoriert die Belastungssituation des Hufes. Wenn der abgebildete Huf mit der inneren Hufhälfte zuerst den Boden berührt, so gibt es hierfür verschiedene mögliche Gründe. Möglicherweise landet dieser Bereich des Hufes zuerst auf dem Boden, weil die Außenwand vorher gekürzt wurde (die innere Wand also jetzt im Verhältnis zu lang ist), oder er berührt zuerst den Boden, weil das Pferd mit seiner individuellen Gliedmaßen- und Gelenkstellung den Huf immer so zu Boden lenkt, oder fußt die innere Seite als erstes auf, weil das Pferd vermeidet, mit der (schmerzenden) Außenwand aufzufußen. Man könnte die Reihe noch einige Zeit fortsetzen. Keine Auskunft gibt das Auffußen jedoch über die Belastung dieses Hornwandanteils. Der Moment des Auffussens hat keinerlei Auswirkung auf die Belastung am Huf, vielmehr sind es die Stützbein- und die Abstemmphase, welche den Huf verformen. Ein Beispiel dafür ist die im vorgestellten Huf gut sichtbare Zehenrichtung, die während der Abstemmphase entsteht.
Durch das einseitige Kürzen von „höheren“ Tragrandbereichen wird vielleicht eine „plane Optik“ hergestellt, eine gesunde Hufsituation erreicht man damit nicht – im Gegenteil. Der abgebildete Huf ist das beste Beispiel hierfür. Er ist kaum noch das Ergebnis seiner Benutzung durch das Pferd, sondern vielmehr das Ergebnis eine Hufbearbeitung, die kürzend und Wände streckend zu Werke geht. Ein partielles Kürzen, egal ob es auf der weniger oder mehr belastete Hufhälfte vorgenommen wird, wirkt sich auf den Hufzustand in jedem Falle negativ aus, da es auf belastete Hornstrecken schwächend wirkt, während es schräge Wandanteile, wie im oben diskutierten Beispiel, noch schräger werden lässt. Von den Auswirkungen auf die Gelenke des Pferdebeines ganz zu schweigen.
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FS 8/2004, S. 63

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Es folgt unter der Überschrift "Bei Zwanghuf: Trachtenwände kürzen und die Zehe bearbeiten" das Beispiel von Django. „Als Maßnahme gegen den Zwanghuf bleibt" laut B. Eberhard "ausschließlich das Kürzen der Trachtenwände. Dieses bewirkt zweierlei: Erstens stehen die Trachtenwände weiter auseinander und zweitens erhält der Strahl mehr Bodenberührung und kann so zur gesunden Hufmechanik beitragen. Einen Zwanghuf beim Pferd zeigen die Ansichten des rechten Vorderhufes von Django (19, 20), einem 17jährigen Wallach: Der Huf ist im Trachtenbereich sehr eng, zwängt den Strahl ein und den Ballenbereich nach oben und verbreitert sich zum Zehenbereich birnenförmig. Beide Vorderhufe Djangos zeigen diese ungewöhnliche Hufform. Diese Form und die Tatsache, dass sich der Wallach überwiegend auf hartem Untergrund bewegt (er lebt in Südfrankreich), haben zu Hornspalten im Übergangsbereich Trachten- und Seitenwand geführt. Die Spalte ist am linken Vorderhuf (21) stärker ausgeprägt als am rechten. Das Beispiel Djangos zeigt, dass es nicht genügt, nur den Trachtenbereich zu kürzen, um die Hufform zu verbessern. Man muss ebenfalls dafür sorgen, dass |
der Zehenbereich der Hufe nicht mehr breit ist. Dazu müssen die Wände der Zehe stärker von außen bearbeitet werden, der Abrollpunkt nach hinten verschoben werden. Das kann durch ein Kappen der Zehe von außen/vorne erfolgen.“
Eigene Befundung:
(VR) „manipulierter Zwanghuf“; Trachten eingerollt, mediale Trachte mehr verbogen; Ballen medial hochgeschoben; Tragrand in der Zehe sehr breit; Hufbeinträger in der Zehe breitgezogen; rote Einfärbungen im Hufbeinträger; Huf wurde insgesamt gekürzt; Belastung wahrscheinlich medial.
Zur Befundung/ Bearbeitungsanweisung von B.Eberhard:
Hier wird das Kürzen der Trachten als Maßnahme gegen Trachtenzwang aufgeführt. Diese Maßnahme ist, wie schon die in den vorgenannten Beispielen genannten Bearbeitungshinweise, kontraproduktiv. Die Tatsache, dass „der Strahl mehr Bodenberührung (erhält)“, wiegt nicht auf, dass mit dieser Maßnahme ebenfalls die Ballen zum Tragen herangezogen werden. Die darunter liegenden Hufknorpel sind jedoch zum Tragen nicht ge-eignet. Durch das Kürzen der Trachten wird der Huf außerdem nach hinten gekippt, die Last wird noch mehr auf den Trachtenbereich verlagert, so dass die bereits überlasteten Trachtenwände sich noch mehr unter den Huf biegen und den Strahl einzwängen können. Mit der Aussage „die Trachtenwände (stehen) wieder weiter auseinander“ meint B. Eberhard anscheinend das Wegschneiden der Trachtenendkanten („Trachten öffnen“), was jedoch die oben beschriebene Situation weiter verschärft. Hier wird genau an der Stelle Material genommen, an der aufgrund der hohen Belastung das Horn in jedem Fall erhalten werden sollte. Als weitere Maßnahme wird das „Kappen der Zehe von außen/vorne“ aufgeführt. Aus huforthopädischer Sicht eine sinnlose Maßnahme, da durch das Entfernen des Tragrandes zwar das Abrollen erleichtert, jedoch nicht die Hufsituation verbessert wird. Im vorliegenden Fall zeigt der Hufbeinträger durch rote Verfärbungen, unter welchem Stress er steht, die viel zu flache Zehenwand hebelt bei jedem Schritt und zerrt am Hufbeinträger. Hier sind dringend huforthopädische Maßnahmen nötig, zu denen insbesondere das Rieddach zählt, um die Zehenwand wieder aufzurichten und damit auf lange Sicht den Trachtenbereich zu entlasten. Durch die langsame Aufrichtung der zu schräg gewordenen vorderen Hufwandbereiche wird der Trachtenbereich automatisch entlastet, so dass sich die Trachten wieder aufrichten können und der Strahl nicht mehr eingezwängt wird.
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