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Dr. Konstanze Rasch zum Thema:
Eisen oder Kunststoff - Ist das denn die Frage?

Seit Jahrhunderten werden Pferde mit Eisen beschlagen. Ursprünglich als Abriebschutz für täglich und hart arbeitende Pferde gedacht, hat das Eisen in den heutigen Tagen eine von der tatsächlichen Verwendung des Pferdes meist gänzlich losgelöste Selbstverständlichkeit erlangt. In Zeiten der Freizeitreiterei, wo das Pferd den größten Teil seines Tages stehend und dösend in eingestreuten Boxen, gummigepflasterten bzw. holzhäckselgefüllten Paddocks oder fressend auf fetten Koppeln verbringt, zudem einige Nachmittage der Woche zweistündige Ausritte genießt oder in Hallen- und Reitplatzsanden auf die wochenendliche Turnierteilnahme vorbereitet wird, in solchen Zeiten liegt die Notwendigkeit für einen Eisenbeschlag für die meisten Pferdebesitzer noch immer auf der Hand.
Warum ist dies so?
Tatsache ist, dass die heute gängige, ebenfalls auf eine jahrhundertelange Tradition zurückgreifende Art und Weise der Hufbearbeitung Pferde ohne Eisen schlecht laufen lässt. Ist es nicht in der Tat widersinnig, als Prinzip der Hufbearbeitung, einem Pferd seinen natürlichen Hufschutz - den Tragrand - zu rauben, um ihm hiernach einen künstlichen Hufschutz aufzunageln? Und ist es denn nicht ebenso widersinnig, einem Pferd den regelmäßig aus der Form geratenen Huf "ideal" zu schneiden (mit allen negativen Konsequenzen für Sehnen, Bänder und Gelenke), anstatt mit seiner Bearbeitung dafür zu sorgen, dass der Huf seine optimale Form überhaupt nicht erst verliert, ihn also per Bearbeitung fit zu halten fürs Laufen - mit Sohlengewölbe, tragenden Wänden und gleichmäßiger Belastung?
Bei allem Glauben an die Unentbehrlichkeit eines Hufbeschlages hat sich doch in den letzten Jahrzehnten nach und nach die Erkenntnis einen Weg gebahnt, dass der Eisenbeschlag eine Reihe negativer Konsequenzen zeitigt. Der Pferdebesitzer betrachtet das Eisen heute zumeist nicht mehr nur als notwendig, sondern als ein notwendiges Übel. Da die bekanntgewordenen Nachteile allesamt im Material des Hufschutzes zu liegen scheinen, suchte man nach einem anderen Material, das diese Nachteile aufzuheben in der Lage ist. Dies ist mit der Entwicklung des Kunststoffbeschlages gelungen. Der Kunststoff bietet gegenüber dem Eisen eine ganze Reihe von Vorteilen. Sie beruhen in der Hauptsache darauf, dass das elastische Material die radikale Einschränkung der Hufmechanik, wie sie mit dem Eisen verbunden ist, abstellt. Es ist hier dabei nicht die Rede von einem sogenannten "Aufweiten" der Hornkapsel und "Niedersenken" der Sohle, wie sie als "Hufmechanismus" bislang, und unserer Ansicht nach unzureichend und verkürzt, beschrieben wird. Hier geht es um die vielgestaltigen Verwinde- und Verformungsmöglichkeiten der Hornkapsel, deren Beschreibung in ihrer Gesamtheit an dieser Stelle zu weit führen würde.
Die mit dem neuen Material Kunststoff gegenüber dem alten Material Eisen verbundenen Vorteile kann man wie folgt zusammenfassen:
(1) Anders als beim Beschlagen mit Eisen wird die Hornkapsel beim Beschlagen mit Kunststoff nicht ihrer Elastizität beraubt. Das heißt, der kunststoffbeschlagene Huf kann sich quasi wie ein Barhuf an den Boden "anschmiegen". Dieses "Anschmiegen" bietet den Gelenken des Pferdebeines den denkbar besten Schutz vor Verschleiß und Verletzung. Beim starren Eisen, welches die verformende Anpassung der Hornkapsel an den Untergrund unmöglich macht, sind die Gelenke den Bodenunebenheiten gleichsam "schutzlos" ausgeliefert. Ohne die elastische Beweglichkeit des Barhufes schlägt jedes nicht plane Auffußen ungehindert auf die Scharniergelenke durch, was ganz unmittelbar verletzungsträchtig ist, darüber hinaus aber auch ausreichend Grund für Erkrankungen der Sehnen, Bänder und Gelenke bietet.
(2) Ein weiterer Vorteil, der mit der Elastizität des Kunststoffs gegenüber dem Eisenbeschlag gegeben ist, ist die Nichteinschränkung der Blutversorgung im Huf. Durch die erhalten gebliebene Verformungsmöglichkeit der Hornkapsel bleibt auch, anders als beim Eisen, eine optimale Blutzirkulation und damit Versorgung der "Huforgane" gewahrt.
(3) Der elastische Kunststoffbeschlag ermöglicht weiterhin die Bewahrung einer natürlichen Fähigkeit, die man als eine Art Schutzmaßnahme der Pferdes im eigenen Interesse verstehen kann. Gemeint ist der Tastsinn, der jedem unbeschlagenen Pferdehuf zu eigen ist. Der Kunststoff erhält diese Fähigkeit des Pferdes, den Boden unter sich zu fühlen, weitgehend. Ein kunststoffbeschlagenes Pferd geht aus diesem Grund, anders als ein eisenbeschlagenes Pferd, verantwortlich, sprich pfleglich mit seinen Beinen um. Es paßt seinen Gang den Bodenverhältnissen an und sucht sich seinen gliedmassenschonenden Weg. Auf diese Weise erhält es sich seine Funktionsfähigkeit. Mit dem Eisenbeschlag wird das Pferd seines Tastsinnes beraubt. Per Eisen wird die "Fühligkeit" ausgeschaltet, die Hufe werden desensibilisiert, was das Pferd zu einem wahrlich rücksichtslosen Umgang mit seinen Beinen "verführt". Nicht jedermann wertet die Bewahrung der obengenannten Fähigkeit allerdings als Vorteil, sondern sieht hierin eher einen Nachteil des Kunststoffbeschlages gegenüber dem Eisen. So empfindet manch einen Reiter den intakten Tastsinn seines Pferdes als Störung seines Reitvergnügens oder auch als Infragestellung seiner reiterlichen Vollkommenheit. So kommt es auch, dass manch einer mehr Mitleid mit einem fühlig über Steine gehenden und sich seinen Weg suchenden Pferd empfindet, als dass er ein Wort des Bedauerns übrig hat für ein Pferd, welches ohne Zögern über eben alles drüber marschiert und sich dabei über kurz oder lang die Beine ruiniert.
(4) Nicht zuletzt hat der Kunststoffbeschlag seinen Vorteil gegenüber dem Eisenbeschlag darin, dass er den eigentlichen Zweck seiner Verwendung, nämlich seine Funktion als Hufhornschutz optimal erfüllt. Im Unterschied zum Eisen findet bei einem Huf, der mit Kunststoff beschlagen wurde, kein Hornabrieb statt. Somit bleiben auch die negativen Folgen aus, wie sie der Eisenbeschlag aufgrund des dort stattfindenden überproportionalen Hornabriebs im Trachtenbereich zeitigt. Durch den ungleichmäßigen Hornabrieb beim Eisen kommt es häufig zu einer zu flachen Stellung und damit zu einer gebrochenen Huf-Fesselachse, was die Belastung des Strahlbeines und damit wiederum die Wahrscheinlichkeit einer Erkrankung im Bereich der sogenannten Hufrolle erhöht.
(5) Keinesfalls vergessen werden darf ein weiterer entscheidender Vorzug des Kunststoffs gegenüber dem Eisen, der darin besteht, dass solcherart beschlagene Pferde keine erhöhte Gefahrenquelle für ihre Artgenossen darstellen, wie dies beim Eisenbeschlag der Fall ist. Da beim Kunststoff die Verletzungsträchtigkeit im Umgang mit Artgenossen nicht höher ist, als beim unbeschlagenen Huf, sehen sich die kunststoffbeschlagenen Pferde nicht wie ihre Beschlagsgenossen mit eisenbewehrten Füße zur Einzelhaft verurteilt.
Wie wir gesehen haben, birgt der Beschlag mit Kunststoff gegenüber dem traditionellen Eisenbeschlag entscheidende Vorteile, wenn man die Materialien ausgehend vom Standpunkt des Pferdes und seiner Gesundheit vergleicht. Ein Nachteil des Kunststoffs gegenüber dem Eisen soll hier aber nicht unerwähnt werden. Durch den ausbleibenden Hornabrieb ist es bei einem Huf der mit Kunststoff beschlagen wird, deutlich häufiger nötig den Beschlag zu erneuern, das heißt, es muß häufiger genagelt werden, das Hufhorn wird durch die Perforation mit Nägeln also stärker in Mitleidenschaft gezogen.
Die Ablehnung, die dem Kunststoffbeschlag noch verbreitet entgegengebracht wird, hat hiermit allerdings eher weniger zu tun. An erster Stelle steht sicherlich die Tatsache, dass Pferde mit dem Kunststoffbeschlag eben nicht wie mit Eisen laufen; sie laufen wie oben ausgeführt den Boden fühlend, was von nicht wenigen Reitern als unangenehm und störend empfunden wird. Ein weiterer Grund der Ablehnung beruht auf dem Mangel an Erfahrungen im Umgang mit dem völlig anderen Material.
Aber, besinnen wir uns auf die ursprüngliche Funktion des Hufbeschlages: Die Verhinderung des Hornabriebs ist eigentlicher Zweck und einzig sinnvolle Verwendung dieses wie jedes anderen Hufschutzes. Erinnern wir uns auch an die eingangs geführte Behauptung, dass die Freizeit- und Sportpferde unserer Zeit angesichts ihrer zeitmäßigen Beanspruchung und in Anbetracht der häufig abriebfreundlich gestalteten Untergründe, auf denen sie sich bewegen, durchaus in der Lage sind, mit ihrem Hufhorn auszukommen. Die Notwendigkeit eines dauerhaften Schutzes des Hufhornes ist damit überlebt. Ausnahmen stärkerer Beanspruchung, wie Wander- und Distanzritte oder auch die hierfür notwendigen intensiven Trainingsphasen können mit "Kunststoffwochen" gelöst werden. In diesem Fall macht ein Beschlag durchaus Sinn. Ohne Frage ist hier aber, wie oben belegt, Kunststoffbeschlag angezeigt, wenn man sich auf den Standpunkt der Pferdegesundheit stellt.
Oft ist allerdings der Ausgangspunkt des Beschlages von vornherein ein ganz anderer: Der Grund des Beschlages liegt, wie jeder weiß, in vielen Fällen gar nicht in einem übermäßigen Hornabrieb, der die Nutzung des Pferdes einschränken würde, sondern in der Überzeugung, manche Pferde könnten ohne Beschlag nicht laufen. Hierzu ist zu sagen: Dann sollten sie aber auch nicht laufen müssen, sprich mit Hilfe von Beschlägen zum Laufen gebracht werden . Richtig wäre es in diesem Falle den Huf als Fundament der Gliedmaße des Pferdes in Ordnung zu bringen, also ihre Funktionstüchtigkeit wiederherzustellen. Dies ist nicht minder schwierig, dafür aber weitaus lohnender, als die mangelnde Funktionsfähigkeit über Jahre mittels Ausgleichs- und Reparaturmaßnahmen zu kaschieren und damit zwangsläufig am Leben zu erhalten. Natürlich erfordert es geeignete Maßnahmen der Hufzubereitung, ungleich belastete und damit asymmetrische und verformte Hufe wieder in ihren optimalen leistungsfähigen Zustand zu versetzen. Beschläge die die vorliegenden Asymmetrien lediglich ausgleichen sind hierzu in keinem Fall in der Lage und gehören weder in ihrer Eisen- noch in ihrer pferdefreundlicheren Kunststoffausführung an einen mit Mängeln behafteten Huf.
Wofür wir plädieren ist eine Hufzubereitung, die den Hufen ihre Tüchtigkeit erhält. Solche Hufe können, im Falle der Verwendung von Kunststoff, ohne größere Probleme für die Gesundheit des Pferdes, beschlagen werden; allerdings fehlt tüchtigen Hufe in der Regel die Notwendigkeit eines Beschlags.
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